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Skilled Migrant Kategorie auf dem Prüfstand

Regierung kündigt Änderungen an

Nach langem Stillstand bei der Einwanderung nach Neuseeland und den noch anhaltenden Grenzschließungen scheint sich jetzt in der Regierungsbehörde langsam etwas zu bewegen. Der Immigrationsminister Chris Faafoi kündigte an, die Skilled Migrant Kategorie als erstes unter die Lupe zu nehmen. Gleichzeitig machte er klar, dass es die hohen Einwanderungszahlen wie vor Covid19-Zeiten nicht mehr geben wird. Einwanderungsinteressierte weltweit warten nun ungeduldig, denn welche neuen Regularien es tatsächlich geben wird, darüber kann momentan nur spekuliert werden. Die Skilled Migrant Kategorie ist nun wieder einmal auf dem Prüfstand, denn dies ist die Einwanderungsschiene, über welche die meisten Migranten den Weg nach Neuseeland wählen.

Die Migrationszahlen sind mit den Grenzschließungen drastisch eingebrochen. Wo normalerweise um diese Zeit rund 20.000 neue Einwanderer ins Land gekommen wären, sind es momentan nur noch 2.500. Auch im Refugee Programm sank die Zahl der Asylsuchenden, die einwandern durften, von 1.500 Personen auf nur 200. Während Kanada erst kürzlich 27.000 temporäre Arbeiter einlud, sich für die Residency zu bewerben, hat Australien eine eigene Untersuchung ihres Skilled Migrant Programms begonnen. Auch der neuseeländische Einwanderungsminister Chris Faafoi kündigte an, die neuseeländische Skilled Migrant Kategorie neu unter die Lupe nehmen zu wollen. Das habe oberste Priorität, so der Minister. Seit über einem Jahr wurden keine Expression of Interest-Anträge mehr selektiert.

Status Quo

Und mit dieser Entscheidung scheint der Immigrationsminister endlich einen Weg zu gehen, der schon lange aussteht. 1.100 Familien sind seit Monaten durch die Grenzschließung und die Stagnation der Antragsbearbeitung zerrissen. So arbeitet beispielsweise eine indische  Krankenschwester in Neuseeland, während ihre fünfjährige Tochter auch nach einem Jahr der Trennung von der Mutter noch in der alten Heimat warten muss. „Das grenzt schon nahe an Diskriminierung und wenn im April immer noch nichts passiert ist, schmeiße ich hier den Job hin und gehe zurück zu meiner Familie nach Indien“, erklärt Neethu Johnly. Doch das ist nicht das einzige Problem. Durch den Stillstand hat sich auch ein großes Loch in den Kassen der Einwanderungsbehörde gebildet. Rund 135 Millionen NZD fehlen bereits. „Ein Stellenabbau würde den sogenannten Backlog, den Rückstau an unbearbeiteten Anträgen nur noch vergrößern“, erklärt der langjährige Einwanderungsberater Peter Hahn aus Wellington. Ebenso führte der kürzlich ausgerufene Lock down in Auckland nach einem kleinen Corona-Ausbruch durch Einreisende, die sich zum Einkaufen unerlaubt aus der Quarantäne-Einrichtung entfernt hatten, zu erneuten Verzögerungen bei der Einwanderungsbehörde. Die Mitarbeiter mussten ins Home Office und konnten keine Unterlagen zur Bearbeitung mitnehmen.

Skilled Migrants benötigt

Dass Neuseeland qualifizierte Einwanderer benötigt, ist unumstritten. Nur in welcher Zahl und mit welchen Voraussetzungen? Erst kürzlich ging wieder ein Aufschrei durch die Presse, dass beispielsweise in der Altenpflege dringend Personal gesucht werde. „Ich habe sogar jetzt, während der Grenzschließungen Kunden, die über ein aufwendiges Prozedere einwandern können“, berichtet Peter Hahn. „Vor allem im Gesundheitssektor fehlt es an allen Ecken und Enden.“ Obwohl weit über 16.000 Neuseeländer 2020 durch die Pandemie aus dem Ausland in ihre Heimat zurückkehrten, sind Fachkräfte wie IT-ler oder Ingenieure auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor gesucht. Auch gut ausgebildete, erfahrene Handwerker sind gefragt. „Und wie in jedem Land gibt es natürlich unzählige Gast- und Saisonarbeiter, deren Jobs kein Neuseeländer machen will – so beispielsweise bei der Obsternte. Also auch in bestimmten Niedriglohnsektoren werden dringend Arbeitskräfte gesucht“, erläutert der Einwanderungsberater die momentane Lage.

Analyse der drei Skill Level

„Ich sehe die Einwanderung in drei Ebenen aufgeteilt. Zum einen gibt es die weniger qualifizierten, aber dennoch wichtigen Einwanderer. Sie arbeiten in Sektoren, in denen es kaum Neuseeländer gibt, welche diese Arbeiten pflichtbewusst mit Fürsorge, Ernsthaftigkeit und so einer eigenen Anspruchslosigkeit durchführen würden“, so Peter Hahn. Dazu gehört beispielsweise die Arbeit auf Obstplantagen, sowie in der Alten- und Krankenpflege. „Dieser Einwanderungsbereich hat einen großen Anteil an den Gesamtzahlen. Sollte man den Sektor schließen, kommt es sicherlich zu Problemen auf dem Arbeitsmarkt. Auf Plantagen könnte man noch mehr automatisieren, anstatt Saisonarbeiter oder Work-and-Traveller anzustellen. Aber in der Pflege? Die Labour-Partei will ja Ausbeute vermeiden und Fairness gegenüber Migranten hochhalten. Lässt man die Gastarbeiter beispielsweise aus den Philippinen nur temporär ins Land ohne Aussicht auf ein Bleiberecht, hat das mit Fairness nicht mehr allzu viel zu tun“, vertritt Peter Hahn seine Meinung.

„Dann gibt es Immigranten, die im Mittelfeld mitspielen. Sie fallen gerade noch unter Skilled Employment, kommen oft aus Indien mit Management-Studiengängen und machen dann in Neuseeland ein kleines Business auf. Ich erwarte eigentlich, dass es hier die meisten Einschränkungen geben wird, denn diese Leute werden nicht unbedingt gebraucht. Zumindest würde hier eine Begrenzung der Zuwanderung am meisten Sinn machen“, meint der Einwanderungsberater aus seinen über 25 Jahren Berufserfahrung.

Die meisten seiner Kunden kommen aus dem Level der Top Skills. „Das sind Einwanderer, die aufgrund ihrer Ausbildung und Berufserfahrung einfach qualifizierte Fachkräfte darstellen, die überall gesucht werden. Egal ob IT oder Handwerk, ich gehe davon aus, dass geplante Änderungen hier kaum Auswirkungen auf diese Klientel haben wird. Solche Leute sind einfach gesucht und werden auch in vielen Sektoren dringend gebraucht.“

Mögliche Änderungen

„Es wird schwierig werden, diese Level genau zu unterscheiden und dann Policies zu stricken, die jeden Kandidaten eindeutig einer Kategorie eindeutig zuordnen lässt“, gibt Peter Hahn zu bedenken. „Da wird es immer Grenzfälle und Grauzonen geben. „Aus der Vergangenheit heraus will die Labour Partei aber genau das erreichen, genauste Regeln, um NUR die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu füllen. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass Fachkräfte einwandern und am Ende doch eine Blaubeerfarm aufmachen und gar nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten. So theoretisch kann man die Einwanderung einfach nicht planen!“ In den letzten 25 Jahren wurden schon viele Richtlinien geändert, viel diskutiert und rund alle vier Jahre erklärt, man wolle jetzt Fachkräfte im Land selbst ausbilden. Passiert sind große Änderung bislang noch nicht. „Es ist schwer vorherzusagen, was genau geändert wird, aber ich bin zuversichtlich, dass neue Regularien meine Kunden nicht so stark betreffen werden. Ein simpler, aber effektiver Eingriff wäre beispielsweise, den momentanen Mindeststundenlohn von derzeit 25.50 NZD weiter zu erhöhen. Ein guter Arbeitgeber, der sein Personal halten will, bezahlt dann eben auch mehr. Das würde die Löhne im Allgemeinen anheben und da will man ja schon lange hin – weg von der Ausbeute und hin zu fairen Bedingungen“, resümiert Peter Hahn. „Für die Erntehelfer oder Pflegepersonal wäre das jedoch ein echtes Problem. Hier müsste man entweder auf temporären Arbeitsvisa bleiben oder gerade im Pflegebereich einfach eigene Sonder-Visa kreieren.“

Zukunftsausblick

In jedem Fall müssen dringend Entscheidungen gefällt werden. Ein Anfang wäre, zumindest die Anträge der Menschen, die bereits vor Ort in Neuseeland sind, zu bearbeiten. Wie das Beispiel der indischen Krankenschwester zeigt, werden sonst Fachkräfte auch wieder abwandern. Und wenn die Grenzen erst einmal wieder offen sind, könnten auch die qualifizierten Neuseeland-Heimkehrer schnell wieder reisewütig werden und das Weite suchen. Neuseeland hat schon immer Einwanderer benötigt und wird sie auch in Zukunft weiter brauchen!

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